Automobilindustrie
Die Automobilindustrie stellt ein sehr dynamisches Umfeld dar, in dem das einzig
Stabile die ständige Veränderung ist. Diese raschen Veränderungen schaffen Nachfrage nach unserer Dienstleistung.
Die Automobilindustrie hat schon seit jeher auf Grund der Komplexität der Produkte in hohem Maße EDV-Mittel für die Unterstützung von Prozessen in der Fertigung und Logistik eingesetzt. Daher finden sich bei verschiedenen Automobilherstellern eine Reihe bestehender meist hausgemachter Systeme.
Aktuell sind die Automobilhersteller jedoch mit einer ganzen Reihe von Entwicklungen konfrontiert, die neue Lösungen erforderlich machen, soll die Wettbewerbsfähigkeit durch Qualität und Kosten in der Fertigung erhalten bleiben. Diese Trends sind:
Eroberung von Marktnischen
Die Fahrzeughersteller stellen Produkte in immer kleineren Stückzahlen für immer spezifischere Kundenkreise her. Beispiele sind Cabrios, Coupes mit versenkbarem Dach oder SUVs. Hierdurch sinkt die Stückzahl pro Modell ebenso wie die Produktlebensdauer.
Als Folge sinken auch die Stückzahl und damit die Bedeutung von Volumenmodellen.
Steigende Komplexität
Die Technik im Automobilbau schreitet enorm voran. In praktisch allen Bereichen, wie Sicherheit, Elektronik, Motorentechnologie, Komfort etc.
werden ständig neue Systeme und Produkte vorgestellt, die den Automobilherstellern als Unterscheidungsmerkmal am Markt dienen. Dies führt zunehmend zu Problemen,
die steigende Komplexität der Produkte in der Fertigung zu beherrschen. Beispiele, wie Rückrufaktionen oder Elektrikprobleme, die die Pannenstatistik seit Jahren anführen,
führen dies eindringlich vor Augen. In vielen Fällen führt diese Komplexität auch zu einem überbordenden Einsatz von EDV Mitteln, dem es mit geeigneten Strategien zu begegnen gilt.
Gesetzliche Vorgaben
Die Anforderungen, die aus gesetzlichen Vorgaben in verschiedenen Märkten resultieren, haben steigenden Einfluss auf die Fertigung. Als Beispiele zu nennen sind Produkthaftungsbestimmungen, welchen nur mit erheblichen Aufwenden zur Herstellung der Rückverfolgbarkeit der Produktion begegnet werden kann oder Vorgaben zur Verkehrssicherheit oder zu Umweltstandards.
Umweltfragen
Die aktuelle CO2 Debatte schlägt sich in neuen Technologien wie z.B. Hybridantrieben, neuen gesetzlichen Bestimmungen, wie z.B. Begrenzungen des Flottenausstoßes an Treibhausgasen und einem veränderten Kaufverhalten der Kunden nieder.
Marktkonzentration
Die Globalisierung führt zu einer Konzentration von Ressourcen. Als Folge sinkt die Anzahl von unabhängigen Automobilkonzernen durch Akquisitionen und Zusammenschlüsse. Dies führt zu steigenden Anforderungen an Markenstrategien und damit zu einer steigenden Komplexität,
indem z.B. Produkte verschiedener Marken auf einer Plattform entwickelt werden und zum Teil von einem Fertigungsband laufen.
Überkapazitäten
Ein weiteres Problem, mit dem die Automobilhersteller weltweit konfrontiert sind,
ist ein Überhang an Produktionskapazitäten. Die Überkapazität ist nicht über alle
Hersteller gleich verteilt. Während z. B. Volkswagen seine Produktionskapazitäten
zu etwa 75% ausnutzt, ist z. B. bei BMW die Ausnutzung mit mehr als 95% erheblich
höher. (Quelle: High Noon in the Automotive Industry, Helmut Becker, Springer Verlag
Berlin Heidelberg New York, 2006, Table 1, Seite 21). Diese Überkapazitäten wirken
sich erheblich auf die Produktionskosten und durch schlechte Volumendegression der
Fixkosten auf die Profitabilität von ganzen Produktlinien aus.
In vielen Fällen reagieren die Hersteller auf diese Situation durch Schließung von
Produktionsstätten. Andere Möglichkeiten, die Auslastungssituation der Fertigungslinien
zu verbessern, bieten z. B. Drehscheibenkonzepte, die es ermöglichen, verschiedene
Modelle in verschiedenen Mischungsverhältnissen auf mehreren Bändern an mehreren
Standorten zu bauen. Drehscheibenkonzepte können nur dann sinnvoll umgesetzt werden,
wenn die Produktionsanlagen und Logistikketten entsprechend flexibel gestaltet sind.
Zusätzlich stellt ihre Verwirklichung nennenswerte Anforderungen an Produktionsleitsysteme,
da man um Konzepte, die allgemein unter dem Begriff "digitale Fabrik" zusammengefasst
werden, praktisch nicht mehr herumkommt.
Lokale Märkte
Viele Automobilkonzerne verfolgen eine Strategie, Fahrzeuge in den jeweiligen lokalen Märkten für den jeweiligen lokalen Absatz zu bauen. Neben wirtschaftlichen Überlegungen spielt auch politischer Druck vielfach eine Rolle bei solchen Produktionsverlagerungen (z.B. Umgehung von Einfuhrzöllen). Hierdurch sind Fertigungen für ein Fahrzeugmodell mehrfach aufzubauen und in Betrieb zu nehmen. Zudem rechnen sich lokale
Fertigungen oftmals nur dann, wenn Fertigungsmittel zwischen mehreren Modellen geteilt werden, was wiederum die Variantenvielfalt und somit die Komplexität erhöht.
Preisdruck
In den klassischen Automobilmärkten herrscht ein Verdrängungswettbewerb um Marktanteile. Dies führt zu einem erheblichen Preisdruck und damit auf Grund schrumpfender Margen zu einem erheblichen Kostendruck in der Produktion. In vielen Fällen wird diesem Druck einerseits durch Verringerung der Fertigungstiefe und Auslagerung von Produktion und Entwicklung an Lieferanten,
andererseits durch Outsourcing von Produktions- und technischen Dienstleistungen begegnet. Dies erhöht durch Einführung von zusätzlichen Schnittstellen die Komplexität. Lieferanten und Anlagenbauer müssen den verringerten Wissensstand bei den Automobilherstellern kompensieren. Hierbei bleibt das Prozess- und Organisationswissen vielfach auf der Strecke.
Versäumnisse und Potenziale
Wir beobachten in der täglichen Praxis auch eine Reihe von Versäumnissen oder anderes formuliert Verbesserungspotenzialen in der Automobilindustrie, deren Ausschöpfung zu erheblichen
Zeit- und Kosteneinsparungen beim Anlagenaufbau und der Planung, sowie zu erheblich verminderten Betriebskosten von Anlagen führen können:
Fehlende Standardisierung von Prozessmodellen und Schnittstellen
Protokolle und Standards werden meist Werks- oder Projektspezifisch entwickelt, eine industrieweite Standardisierung fehlt weitgehend. Hier könnten erhebliche Zeit- und Kostenaufwände eingespart werden.
Einsatz offener Systeme
Meist werden veraltete Technologien weitergeführt. Dies stellt eine Suboptimierung der Projektkosten dar, wobei viele mögliche Vorteile verschenkt werden.
Verstreutes Prozesswissen
Der Aufbau von Prozesswissen ist meist verstreut und wenig institutionalisiert. Im Betrieb vorhandene Potenziale werden hierdurch nicht auffindbar und damit nicht nutzbar.
Ungeeignete Kompetenzverteilung
Maschinenbauer werden immer häufiger zu GUs. Damit werden ihnen auch Aufgaben in der Prozessentwicklung übertragen, mit denen sie meist überfordert sind.
Experten in Schweißtechnik sind nicht notwendigerweise auch in der Prozessentwicklung kompetent, obwohl sie natürlich wesentliche Beiträge leisten können.
Unangepasste Systeme führen zu mangelnder Akzeptanz
ERP Lieferanten verfügen in der Regel über wenig Fertigungs Know-How. Die von ihnen angebotenen Werkzeuge sind ohne erhebliche Anpassungen oft schlecht geeignet,
werden aber oftmals kritiklos übernommen. Solche Projekte scheitern oftmals an der mangelnden Akzeptanz bei den Anwendern.
Fertigungstechnologien
Automobile sind komplexe Produkte, deren Fertigung in mehreren Schritten abläuft, wobei unterschiedliche Fertigungstechnologien eingesetzt werden. Diese Fertigungstechnologien unterscheiden sich stark hinsichtlich der verwendeten Produktionsressourcen, der Planungsmethoden, des Automatisierungsgrades und vieler anderer Parameter.
IT und Organisationskosten
Bei der Automobilfertigung handelt es sich um eine mehrstufige Serienproduktion
von komplexen Produkten mit einer Vielzahl von Varianten. Aus diesem Grund ist die
Automobilindustrie ein Vorreiter bei der Einführung neuer Konzepte für die Entwicklung,
Produktion und Logistik. Konzepte, wie Just-inTime oder Just-in-Sequence Fertigung,
Supply Chain Management, TPM, TQM stammen nicht umsonst aus der Automobilindustrie.
Obwohl die Automobilhersteller riesige Fortschritte in diesen Bereichen gemacht
haben, stellen die Kosten, die im weitesten Sinne in den Bereich Informatik und
Organisation fallen mit beinahe 50% der gesamten Fertigungskosten immer noch einen
erheblichen Anteil dar. Folgende Abbildung wurde vom Autor auf Basis von Zahlen
zusammengestellt, die nach Angaben in den Bilanzen deutscher Hersteller und diversen
Vorträgen in etwa typisch waren:
Viele der Kosten in diesem Bereich fallen immer noch unter Gemeinkosten, werden
also nicht einzeln erfasst und zugeordnet. Die Einführung von Produktionsleitsystemen
in der Automobilfertigung kann entscheidend zur Kontrolle und Senkung der Kosten
in diesem Bereich beitragen und ist daher ein nicht unerheblicher Faktor, der bei
Programmen zur Kostensenkung unbedingt zu berücksichtigen ist. In den letzten Jahren
ist im Bereich der Produktionsleitsysteme ein regelrechter Boom ausgebrochen. Dies
erklärt sich vielfach sicherlich durch die erheblichen Verbesserungspotenziale,
die in diesem Bereich noch brach liegen. Während in den letzten Jahren viele Verbesserungs-
und Einsparungsmöglichkeiten im Bereich der Automatisierung, Logistik und ERP Systeme
realisiert wurden, bewegt sich der Focus nun mehr und mehr in Richtun von Verbesserungen
an Produktionsleitsystemen.
Probleme bei der IT-Umsetzung
Bei der Umsetzung neuer Systeme und Strategien um Bereich der Automobilfertigung ist man in der Regel mit einer Reihe von Problemen und Ängsten konfrontiert, denen man begegnen muss, um das Projekt erfolgreich zu Ende führen zu können.
Althergebrachte Vorgangsweisen
"Wir haben ja bisher auch schon unsere Stückzahl erreicht."
Organisatorische Barrieren und Kompetenzstreitigkeiten
"Wir machen das auf SPS, sonst hängt das wieder an der Informatik."
Fehlendes Bewusstsein für die erforderliche Prozessentwicklung
"Wir führen Standardsoftware ein, die ist fix und fertig und die müssen wir nur mehr konfigurieren."
Fehlende Standards
"Im Rohbau verwenden wir den XYZ Standard, in der Montage ABC und die Prüfstände koppeln wir über das DFP Protokoll an."
Keine Datentransfers und keine einheitlichen Datenmodelle
"WPP können wir nicht brauchen. Seit Ende des SE wurden die Änderungen in der Anlage dort nicht mehr nachgezogen."
Fehlende Unterstützung des Top-Managements
"Ich hätte das schon gern, aber der Produktionsleiter meint, ich soll mich lieber darum kümmern, dass wir Autos bauen."
Mangelnde Courage
"Ich geb das der Firma X… Wenn etwas schief geht kann ich immer noch sagen, ich hab es ja eh X… gegeben."
Aktiv werden ... Toyota hat es vorgemacht
Toyota hat mit seinem Produktionssystem (TPS) einen weltweit akzeptierten Benchmark gesetzt. Ziel dabei ist es, kundenorientiert und unter optimaler Ausnutzung
der Ressourcen zu produzieren, es wird nur das produziert, was gerade verbraucht wurde. Ein derartiges Produktionsverfahren erfordert hohe Mitarbeiterqualifikation, Maschinenverfügbarkeit und Qualität der (Zwischen-)Produkte.
Prozesse sind dabei ein strategisches Mittel im Wettbewerb, weshalb man die Verantwortung für die eigene Prozessentwicklung nicht aus der Hand geben kann. IT Plattformen sind eines unter mehreren
Mitteln, diese Prozesse zu implementieren.
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